TrägerErfahrungsberichte

 

Der erste Eindruck in Sizilien

Olivenernte

Winter, Frühling und merkwürdige Kreise

Der Abschied und eine Zurückschau

 

 

Riesi, September 2003

 

Nun sind schon zwei Monate vergangen ohne das ich was von mir hören ließ – ich bitte um Entschuldigung.
Der erste Monat (August) zählt zwar offiziell auch zu meiner Dienstzeit, doch war ich weder im Servizio Cristiano in Sizilien noch musste ich irgendwo arbeiten. Er (der Monat) war für uns Freiwillige (20 Kriegsdienstverweigerer und zwei weibliche Trittbrettfahrer) gedacht: In Villar Pellice, ein von Bergen umzingeltes Dorf in den piemontesischen Alpen, verbrachten wir eine sehr schöne gemeinsame Zeit mit einem italienischen Sprachkurs und besonderem Kulturprogramm über die Waldenser und ihrer einzigartigen Geschichte. Während der letzten Woche tagte auch die Synode der reformierten Kirche in Torre Pellice – so konnten wir auch schon die Direktion unserer zukünftigen Einsatzstellen kennen lernen. Was mir sehr imponierte waren jene Täler (Pellice, Germanasca, Chisonetal) und die sagenhaft schönen Berge mit Quellen, Bächen, Flüssen, Wasserfällen, kristallklaren Seen und panoramareichen Blicken von den Gebirgsspitzen Richtung Frankreich oder Italien. Auf meinen Wanderungen fand ich oft alte, verlassene, von der Natur zurückgeholte Häuser aber auch wenige Höhlen; eine besonders große diente den Waldensern früher als Versteck und Ort der gemeinsamen Gottesdienste.

Ende August aber schließlich begann ein jeder von uns seine sieben Sachen zu packen und sich auf den Weg zu seiner Dienststelle zu begeben. Meine Wenigkeit stieg zusammen mit fünf weiteren „Sizilianern“ in den Zug nach Catania bzw. Palermo. Nach der Überfahrt mit der Fähre teilte sich nämlich der Zug in Messina – das hieß wieder Abschied nehmen von zwei Gefährten und einer Gefährtin, die alle in Palermo im Sozialzentrum La Noce erwartet wurden. Da unser Zug sich ziemlich in Verspätung befand (von der kaputten Klimaanlage will ich mal nicht sprechen), verpassten wir natürlich den Anschluss und durften drei Stunden auf den nächsten Bus nach Riesi warten.

 

 

SizilienkarteWer kennt schon Riesi? Man findet die Kleinstadt ja nicht einmal auf jeder Sizilienkarte. Wer trotzdem suchen möchte, muss vom Herzen Siziliens aus noch ein Stück unterhalb von Caltanissetta schauen. Riesi ist ein Häusermeer umgeben von den Wellen der Hügel und Berge – bei guter Sicht erlaubt der Ätna dem suchenden Beobachter sogar einen Blick. Und bei der Mittagshitze könnte man sogar meinen, man befände sich in Afrika. Die Zugvögel, die hier rasten, träumen sicher davon. Doch hier zwängen sich die Busse, Autos, Wespas, Passanten, Hunde, Katzen und Traktoren durch kleine enge Gassen und Sträßchen, und dabei hupt und grüßt jeder jenen und jener jeden – falls er ihn kennt. Blau kennt jede vom Himmel, grün kennt jene nur vom Balkon und alle könnten das Grün in Riesi kennen, wenn jenes dort wäre. Doch fände sich nur ein kleines an der Hauptstraße gelegenes Stadtpärkchen, das wohl eher der Zierde als dem Vergnügen diene, so stände es schon gut damit. In der Tat existiert dieser Stadtpark – an dem ich noch nie Halt fand, weil er irgendwie nicht ins Bild zu bringen ist (oder er sehr ungeschickt liegt). Doch ich bin mir sicher, dass er schön ist. Ich glaube, dass das sicherlich auch die älteren Herren mit ihren Stühlen auf der Straße vor ihren offenen Wohnungstüren (in die Kämmerchen darf man übrigens gerne einen Blick werfen) meinen. Viele waren schon lange Zeit in Deutschland gewesen, und erzählen einem gerne wie es dort war. Es ist dabei kein Wunder, wenn jemand sein Deutsch zu verbessern versucht. Frauen sieht man in der Öffentlichkeit sehr viel seltener. Zurück zu den Straßen: Fehlt der Stuhl mit dem Herr, so findet man des Öfteren eine Plastikflasche, manchmal auch mehrere und ja sogar kleine Müllkippen sind zu erspähen. Am Rande des Städtchens türmen sich sogar ein paar rostige Autos und warten nur darauf vom Rost gefressen zu werden…

Riesi zählte einst 20.000 Einwohner. Es herrschten Armut, Arbeitslosigkeit und vor allem die Mafia. Zu einer Zeit, als die Schließungen der Schwefelbergwerke zwischen Agrigento und Enna auch Riesi in schwere soziale Nöte stürzte, schlug die Gemeinde ein neues Kapitel ihrer Geschichte auf, durch den Pastor Tullio Vinay 1961. Gemeinsam mit den Dorfbewohnern versuchte eine kleine Gruppe eine Vielzahl von Problemen zu lösen. Tätigkeiten in dem Schulsektor entstanden, der Sozialhilfe und der Wirtschaft: Ein Kindergarten, eine Grundschule, eine Ausbildungsstätte für Feinmechaniker, eine Bibliothek, ambulante Pädiatrie, Beratungsstelle für Familienplanung, ein landwirtschaftliches Zentrum und eine Feinmechanikfabrik. Gleichzeitig kämpften sie gegen die Bodensteuer aus feudalistischer Zeit und stellten sich offen gegen die Mafia. Was sie versuchten war eine neue Lebenseinstellung wachzurufen und gemeinsam mit den Einwohnern neue Ziele zu stecken.

 

WegweiserNun bin ich hier, da wo vor vierzig Jahren alles begann. Und ich fühle mich großartig! Der Servizio Cristiano ist ein stattliches Anwesen, eine Oase für uns auf dem Berg der Olivenbäume. Mit uns freuen sich auch viele Hunde und Katzen, die, wenn wir keine Gäste haben, auch frei und glücklich auf dem Gelände herumstreichen dürfen. Zoran, ein Kriegsflüchtling aus Kroatien und eigentlich die Seele des Servizio Cristianos, kümmert sich um sie. Er lebt hier schon seit sieben Jahre und hat somit auch viel zu erzählen. Vor allem über die Situation und Mentalität wie mit Tieren umgegangen wird. Sie macht ihn (und uns) traurig und war mit ein Grund, warum er nun schon so lange hier (im Garten) arbeitet. Das ein Hund kein Plüschtier ist, ist bekannt; auch, dass man für ein Lebewesen Verantwortung übernimmt und man es ernähren und verpflegen muss – auch für längere Zeit. Nun, hier finde ich halb verhungerte, allein gelassene und festgebundene Hunde in der campagna. Auch für die Jagd sind Hunde sehr, sehr nützlich; aber wofür davor und danach? Laut Zorans Bericht scheinen auch manche Jugendliche Spaß daran zu finden einen Hund an einem Baum zu erdrosseln oder an das Auto zu binden und… Als ich zum ersten Mal mit meiner Trompete zur Dorfkapelle ging, begleitete mich Zoran, ich wusste ja nicht, wo man sich traf. Als wir bei den Müllcontainern vorbei gingen fanden wir eine traurige arg abgemagerte Katze. Klar, dass wir dann mit ihr zurückgingen und sie erst einmal verpflegten. (Es war übrigens nicht schlimm, dass ich zu spät zur Probe kam.) Und sie war nicht die einzige – alle Hunde und Katzen wurden von Zoran todkrank und verhungert aus dem Müll oder von der Straße geholt.

cuccia

 

Es ist unglaublich wie sie nun hier rumstrolchen und sich des Lebens freuen! Zoran gibt nur mit großer Vorsicht einen Hund weiter an einen Sizilianer, aber mit ganzen Herzen einem nördlicheren Bewohner, da er weiß, dass sie es in Deutschland gut haben werden (schon viele Freiwillige vor mir, kamen nicht alleine zurück). Wer von euch träumt von einem neuen Weggenossen? Salame mag ich sehr – er hat ein sehr schönes Fell und wunderschöne Augen. Michi flitzt wie eine Antilope durch die Gegend – mein Favorit (er ist noch nicht mal ein halbes Jahr alt).

 

Nun, wenn wir mal bei mir gelandet sind: Ich arbeite vormittags im Landwirtschaftsektor. Eine sehr schöne Arbeit, die mit dem Sonnenaufgang beginnt. Als eine deutsche freiwillige Helfergruppe hier war, wurden Bäume gefällt und gesägt bis zum Umfallen (im wahrsten Sinne des Wortes). Ansonsten sind nun schon alle Olivenbäume geschnitten, so dass später das Netz für die Ernte nicht beschädigt wird. Sie (die Ernte) beginnt schon diesen Monat. Könnt ihr euch vorstellen wie viel Öl man mit den Oliven von 1.500 Bäumen machen kann? Ich (noch) nicht! Heute mussten wir wieder hacken – dies wird nicht das letzte Mal gewesen sein; fast jeden Tag wird gehackt. Außer den unvorstellbar vielen Oliven gibt es auf den Feldern Salat (einige Setzlinge wurden auch von mir gepflanzt), Tomaten, Basilikum, Granatäpfel, Melonen, Paprika, Knoblauch, Fenchel, Orangen, Feigen und mehr konnte ich noch nicht identifizieren. Die Arbeit in der frischen Luft macht mir auf jeden Fall Spaß. Noch mehr Spaß macht mir aber der Nachmittag mit den sizilianblütigen Kindern! Glücklich bin ich nach der Arbeit und freue mich auf den nächsten Tag (mein Kleiderschrank wird immer bunter von den vielen geschenkten Bildern). Ich spiele in der großen Pause (nach dem Mittagessen) mit den Kindern der Grundschule. Nach der Schule rede, male und warte ich mit ihnen auf den Schulbus (der drei Mal die Runde dreht). Dazwischen sind die Kleinen aus dem Kindergarten glücklich über meine Anwesenheit (z.B. beim Fangen und Sandkastenbuddeln).

 

In meiner Freizeit spielt die Musik natürlich immer noch eine große Rolle: Wie schon erwähnt gehe ich nun zur Dorfkappelle (bisher war ich nur einmal dort) – lauter Jugendliche meines Alters! Der Servizio Cristiano beherbergt auch einen alten Flügel. Ende des Monats gebe ich mein erstes Konzert (davon das nächste Mal). Was für mich neu aber herrlich ist, sind die Hunde und die Spaziergänge mit ihnen. Sie kennen schon die Gegend gut, so dass ich mich gerne bereit finde die Umgegend mit einem oder zwei von den neun zu erkunden. Lesen, Schach oder das hier geliebte Scopa-Kartenspiel kommen auch auf die Liste. Gemeinsam fahren wir aber auch oft ans Meer (1/2 Stunde mit unserem Bus) zum Entspannen, Untertauchen und Träumen.

Nächsten Sonntag werden wir schließlich auch in einem Gottesdienst der Gemeinde vorgestellt. Wir, ja also, das heißt: Fünf Deutsche, eine Deutsche, eine Holländerin, eine Spanierin, eine Schweizerin, ein Franzose und ein Italiener (mit Zoran - noch ein Kroate). / Wir wollen uns ja nun mal so langsam „unters Volk mischen“.

 

 

Riesi, 8.Dezember 2003

 

Nun, wo fange ich an zu erzählen? Es ist so wahnsinnig (im wahrsten Sinne des Wortes) viel passiert! Die Olivenernte ist endlich (letzte Woche) im Regen fertig geworden. Hier hat er (der Regen) ganze Berge bewegt. Eines Morgens fand ich meine Stube in ein kleines Schwimmbad verwandelt und über mir ein paar undichte Stellen in der Zimmerdecke (die Badehose blieb aber im Schrank). Doch zum Glück war es nur halb so schlimm. Maria, sie kümmert sich um den Haushalt und das Wohl unserer Gäste, berichtete, dass ihr Auto sich quasi in ein Bötchen verwandelt hatte. Auf den Straßen (also in der Stadt) muss es deshalb noch viel schlimmer gewesen sein.

 

Ende September fand, wie schon im letzten Brief erwähnt, jener Gottesdienst statt, den wir  Freiwillige mit dem Thema Mensch und Natur gestalteten. Sehr fleißig probten wir den Ablauf – nämlich überhaupt nicht. Jeder las seinen Text, sein Gedicht oder sang die Lieder quasi zum ersten Mal. Und vielleicht aus dieser Spontaneität heraus wurde eine Stunde Kirche eine spannende und heitere Stunde. Mich hatte man hinter die „Orgel“ gesetzt. Zuerst suchte ich den Einschaltknopf bis der Zufall mich auf die zwei Wipp-Pedale führte. Aha, das Ding funktioniert über Muskelkraft – und so wippte das ganze Teil beim Spielen. Das war wohl das letzte Mal für mich: Aus Besorgnis um das Alter der „Orgel“ und auch aus Vorsicht werde ich mich bestimmt sicher nicht noch einmal dahinter stellen, das möge der Eingeweihte tun. Auf jeden Fall war dieser Sonntagsgottesdienst für alle Beteiligten ein sehr schönes Erlebnis.

 

Dieser Tag war auch der Vor- und Auftakt zur Olivenernte. Mit einer Jugendgruppe aus der Gegend von Dortmund, die uns freundlicherweise während ihrer Herbstferien helfen wollte, begann die Plackerei. Wir hatten vor ihrer Ankunft um alle Bäume herum all das, was ein Netz zerreißen könnte, unter Vergießen vieler Schweißtropfen weg gehackt. Falls ein Olivenbaum zu wenig Früchte trägt, wird per Hand jede Olive in eine Kiste gelegt. Biegen sich jedoch die Äste von dem Gewicht der vielen kleinen und großen Oliven, so binden wir zwei große grüne Netze um den Stamm. Jetzt schlägt man mit Stöcken auf den armen Baum oder man nimmt einen Rechen zu Hilfe und zieht ihn  so an den Ästen entlang, dass nur die Oliven fallen und die Ästchen dort bleiben, wo sie sind.

 

Der Vorteil der Stöcke: Es geht viel schneller. Der Nachteil: Nachdem der Baum von seiner Last befreit ist, werden alle kleinen Äste und Stöcke aus dem Netz gefischt. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, bevor die Oliven endlich in den Kisten landen. So gingen wir Reihe für Reihe durch den großen Olivenhain. Die vielen Kisten fuhren in die Olivenpresse und kamen als Öl wieder zurück nach Hause.

 

Nach zwei Wochen musste unsere Helfergruppe abreisen. Ich erinnere mich noch an den Vorabend. Es war der Abend meines ersten Klavierkonzertes in Riesi. Zuerst kamen nur wenige Leute aus dem Dorf. Weil sie sich in der Uhrzeit geirrt hatten, erschienen sie am Ende aber doch alle. Trotzdem war der Raum schon von Anfang an voll. Simon, ein sehr mutiger Pianist aus der Jugendgruppe, spielte vor mir ein italienisches Stückchen (Santa Lucia). Das Programm war hauptsächlich Chopin. Ich war sehr überrascht, wie mir das Spielen Spaß machte und leicht von der Hand ging (bis auf die vielen unbemerkten Takte). Nach einer Stunde war dann aber wirklich „finito“. Nun, wie gesagt, die Gruppe verschwand und eine neue (nicht so lustige) half uns eine Woche lang weiter. Doch nachdem sie auch fort ging, hing die übrige Last nur noch bei uns. Waren es vorher die Schweißtropfen, so flossen uns jetzt die Regentropfen vom Gesicht. Zu jener Zeit, als es Meere regnete und mein Zimmerlein sich fast in ein Schwimmbad verwandelt hätte, bemerkte man erst dann ein Loch im Lagerraum, als sich der ganze Schlamm schon über Nacht auf dem ganzen Boden breit gemacht hatte! Und den musste ich mit der Karre wieder heraus transportieren (zum Glück nicht alleine). Ich denke, es würde euch langweilen, wenn ich jetzt mit meiner Arbeitskleidung fortfahre und beschreibe wie sie - langsam, langsam - richtig schön schmutzig und dreckig wird (von den Schuhen und Strümpfen mal abgesehen). Am Abend nach einem solchen Tag zünde ich den Kamin im Speisesaal an, bereite ein paar Kartoffeln vor und wir schalten das Licht aus: Die vielen Blitze am anderen Hügel beobachten wir mit Ehrfurcht, lauschen dem Donnern und sunsetRumoren – auch das der Fensterscheiben – und genießen das Beisammensein bei Kaminfeuer und Kartoffeln. Der neue Tag beginnt mit einem warmen Sonnenaufgang und herrlichem blauen Himmel, so, als wäre nichts geschehen. Wären da nicht der total schlammige Boden, das Loch in der Lagerhalle, der Schlamm gefüllte Wasserspeicher, an dessen einem Ende das Wasser austritt, und die vielen schmutzigen Oliven und… Diese schmutzigen Oliven!!! Ich vermute, dass sie Schuld daran trugen, dass ich erkrankte. Wie bei einer Allergie (zuerst vermuteten wir, gegen Ziegenmilch) war mein Gesicht voller roter Flecken. Ein Dermatologe nannte diese plötzlich und unerwartet aufgetretene Hautkrankheit Impetigine. Seine Kreme half dagegen Wunder. Ein Beispiel, dass ich armer kleiner Wicht hier draußen allen möglichen Unbilden während meiner Arbeit ausgesetzt bin.

 

 

 

Der erwähnte Wasserspeicher birgt indes eine traurige Geschichte: 1999 ertranken in ihm zwei Kinder aus dem Dorf. Der Vater eines der Kinder veröffentlichte jetzt ein Buch über diese Tragödie. Er berichtet auch über den Servizio Cristiano und die Waldenser – doch offenbar mit Hass und  Bosheit. Ich habe das Buch zwar noch nicht gesehen und somit auch nie gelesen; unsere Chefin (Eliana Briante), Zoran (der Kroate) und unser „capo della agricoltura“ erweckten in mir aber diesen Eindruck. Anscheinend fallen auch Äußerungen über Personen, die nicht der Wahrheit entsprechen.  Warum verachtet er die Waldenser? Weshalb erzählt er Unwahrheiten? Liegt die Schuld gar beim Vater selbst? Wenn ich mehr darüber weiß, lasse ich euch Bescheid kommen.

 

Noch ein allerletztes Mal zurück zur Olivenernte: Vor ein paar Wochen herrschte hier der Scirocco, der ein sehr stürmischer Gast in Sizilien ist. Er bringt neben Wüstensand und einer angenehm warmen Luft auch sehr, sehr stürmischen Wind, mit etwas Regen gemischt. Nun, und was passiert mit den Oliven auf den Bäumen, wenn der Wind die Äste peitscht und den Stamm verbiegen will? Richtig, sie fallen auf den Boden! Deshalb lief ich oft mit ein paar Kisten und drei oder vier Helfern aus den Jugendgruppen gebückt durch die Gegend, um Oliven vom Boden aufzulesen. Mein Hund Michelangelo oder kurz Michi genannt (ein „Cirneco etneo“ - kleiner Pharao, erst ein halbes Jahr alt und somit ein richtig süßer „cucciolo“) lief mit in den Olivenhain.

 

Als ich einmal schnell in die Nähe der Schule musste, band ich ihn an meiner Kiste fest und las die Oliven von dem Wind der letzten Nacht auf, damit die Kinder später, wenn sie draußen Ball, Fangen spielen oder Unsinn machen, nicht diese wertvollen Ölspender auf dem Boden zerquetschen. Der Zufall wollte es, dass unsere Chefin den Hund sah. In einer Ordnung für Neuankömmlinge heißt es, dass alle Tiere auf dem Gelände auch „Gäste“ sind, um die sich das Zentrum kümmert. In Wirklichkeit ist es aber nur eine Person, nämlich Zoran, der sich viel Mühe mit den vielen Katzen und Hunden macht (Essen, Impfungen, Medizin, Gassi gehen, Kot säubern), weil er ein echter Tierfreund ist und ein gutes Herz hat.

 

Die Anfrage, eine Spendenkasse für die Tiere aufzustellen, wurde mit der Begründung abgewiesen, dass im Falle einer Spende zu diesem Zweck ein Gast später wohl keine Spende mehr für die Schule geben würde, obwohl letztere wichtiger sei. Ich meine, dass diese Entscheidung der Gast auch selber fällen darf. Kaum jemand weiß wohl, wie wichtig diese Hunde für uns sind. Sie halten nicht nur die herrenlosen herum strolchenden Hunde vom Gelände fern (nebst deren Hinterlassenschaften), sie schützen uns auch vor ungebetenen Gästen. Als Zoran vor sieben Jahren hier zu arbeiten begann, kam es öfter vor, dass plötzlich Schuhe und andere Gegenstände (sogar Blumen!) über Nacht abhanden kamen (nach seiner Aussage). Im Moment zieht eine Bande durch die Gegend und bricht in Häuser ein. Eine Lehrerin, Sandra (warmherzig und nett!), wurde Opfer dieser Einbrecher. Sie richteten nicht nur im Haus Unheil an, auch ihr Hund wurde vergiftet. Es ist nicht der einzige Hund – über 30 sind in den letzten zwei Wochen an Vergiftung auf den Straßen gestorben! In Riesi gibt es unzählig viele arme Strolche.

 

Schließlich kam heraus, dass der „Sindaco“ der Stadt (Bürgermeister) seinen Müllmännern den Auftrag gab, vergiftetes Fleisch an den Abfallstellen zu hinterlassen – die erste Anlaufstelle für todhungrige Vierbeiner. Sandra plant jetzt eine Kampagne, an der Zoran, ich und alle Freiwilligen sicher mitmachen werden. Vor allem ich, weil ich mich mit meinem Hund nicht mehr durch Riesi traue, aus Angst, er könne im Laufen etwas aufnehmen (das kann er sogar!). Heute lag auf dem großen Parkplatz des Dorfes ein toter Hund. Etwas weiter entfernt, auf demselben Parkplatz, spielten einige Kinder mit ferngesteuerten Autos oder mit dem Fahrrad. Vor einer Woche machte mich der übel riechende Gestank auf einen toten Hund neben der Straße aufmerksam. Was hier passiert, ist schrecklich traurig.

 

Ich komme nun zurück auf mein Hündchen, das ich bei den Olivenbäumen zurück gelassen hatte. Zufällig wurde Michi dort von unserer Chefin entdeckt. Aus irgendwelchen Gründen duldet unsere Chefin nämlich nur sieben Hunde auf dem Gelände des Servizio Cristiano (und nicht mehr). Das war mir nicht bewusst. Vor zwei Wochen beispielsweise versteckte sich auf dem Lastwagen für unsere Küche ein kleiner süßer Welpe. Er sprang beim Halt herunter. Was tun? Wegschmeißen oder erst einmal etwas zu futtern geben? Das große Schicksal wollte, dass dieser Hund die Liebe unseres italienischen Zivildienstleistenden fand (sein Jahr ist jetzt zu Ende). Welch ein Glück und Zufall für den kleinen Gast! Dasselbe Schicksal fanden zwei junge Hündchen, als ich und Silvana (die Freiwillige aus der Schweiz) zum Servizio Cristiano kamen: Michi und Nuvola (der Lustige). Wir kümmern uns selbst um unsere vierbeinigen Freunde, das braucht Zoran nicht zu tun. Leider haben wir mit unseren Hunden aber fast eine Krise heraufbeschworen. Mittelpunkt des Ärgernisses bin ich, weil ich gegen die „Hausordnung“ gehandelt habe und zudem noch (wie zwei andere Bewohner auch) einen minikleinen Hamster in meinem Zimmer halte (im Käfig). 

                                                                                                                           

In ein anderes Fettnäpfchen bin ich schließlich getreten, als ich noch schnell eine E-Mail aus dem Computerraum der Schule abschicken wollte und die Chefin mich zufällig dabei „erwischte“.

Ja, die Ordnung hier ist streng und muss sie wohl auch sein. Leider liege ich immer dann daneben oder jenseits aller Normen und „Gesetze“, wenn ich mich für andere einsetze oder eigentlich was „Gutes“ im Sinne habe. So war es mit den Tieren und so ist es mit der Benutzung des Schulcomputers. Nennen wir es eine Verkettung unglücklicher Umstände. Denn eigentlich wollte ich den Schulraum putzen, weil ich ihn für meinen Englischunterricht immer vorbereiten muss. Und danach wollte ich mich von einer zusätzlichen Pflicht befreien, die Hausmitteilung für Besucher ins Englische zu übersetzen. Bei diesem wichtigen  Text war ich mir nicht ganz sicher und leitete ihn zum Korrigieren an meinen Vater weiter. Schuld hin, Missverständnis her – da muss ich jetzt einfach durch! Natürlich versuche ich, mit der Chefin gut auszukommen, auch wenn mir dies manchmal schwer fällt.

 

Wenn auch nach dieser Schilderung die Atmosphäre nicht gerade sehr weihnachtlich klingt, so scheint es uns doch, als ob sich die Situation langsam beruhigt. Morgen fängt wieder der Lauf der Woche an. In der letzten Woche schrieben die dritte, vierte und fünfte Klasse einen wirklichen süßen Englischtest (in den ich viel Zeit investiert hatte). Die Erfolge sind wirklich sehr unterschiedlich: Alle (na gut: fast alle) in der dritten Klasse können „name“ richtig schreiben – doch keiner in der Fünften ist dazu in der Lage gewesen. Doch es freut mich, dass viele Schüler manches sehr gut verstanden haben und einige sogar hervorragend gut! Aber, und das ist der Horror vor dem Wochenende, in der dritten Klasse gibt es einige sehr wilde Kandidaten, die keinen einzigen Funken Willen haben, etwas zu Lernen. Und jene fangen dann an zu stören, und das tut weh, da es in derselben Klasse überaus willige Kinder gibt, die etwas wissen und lernen wollen (meistens die Mädchen J). Ich sehe an dem Test sehr deutlich, dass die erste (brave) Gruppe der dritten Klasse besser abschneidet, als die Zweite (Vorwochenendterrorschrecken). Letzte Woche besorgte ich zwei neue Gummibälle und ein Kartenspiel für die Grundschule. Die Zeit vergeht damit plötzlich viel zu schnell!

 

 

März 2004

 

fioriAus Sizilien schicke ich euch Narzissenduft, Anemonen und Gänseblümchen. Marienkäfer, Schmetterlinge und Bienen spielten neulich Fangen. Mögen sie auch euch bald erreichen! „Im Frühjahr zum Staunen, im Herbst zum Genießen“, halten wir es doch wie unser Sizilien-Freund Goethe, denn der Frühling scheint schon Mitte Februar zu beginnen, auch wenn der Ätna noch immer seinen weißen Mantel tragen will. Mit dem einen oder anderen Regenschauer müssen wir aber dennoch rechnen. Abends und nachts kühlt es noch durchaus richtig ab. Trotzdem strahlt mit wärmer werdenden Strahlen die Sonne Tag für Tag immer ein Stückchen länger auf unsere grünen Getreidefelder. Ratet doch mal, wer das schon meterhohe Gras auf unserem riesigen Gelände schneiden darf? Eine nie endende Plackerei, die immer wieder von vorne beginnt. Doch wer einen Großbrand im Sommer durch jenes später hohe trockene Gras vermeiden möchte, wie es sich schon in der Nähe der Foresteria (Gästehaus) ereignet hatte, sollte sich schon jetzt durch den Dschungel kämpfen. Die Schuld für diesen frühen Frühling tragen der Scirocco (Südostwind) und der Libeccio (Südwestwind); zwei Gäste, die Hitze (mit Saharasand) und Regen mitbringen. Sie besuchten uns im letzten Monat. Heute kamen die Winde Maestrale und Tramontana (Nordwinde) vorbei und brachten uns strahlenden Sonnenschein, allerdings gepaart mit trockener Kaltluft. „Marzo, pazzo“ (verrückter März) fand schon Eingang in den Volksmund.

 

Da nun schon ein halbes Jahr verstrichen ist, trafen wir uns (alle „italienischen“ Freiwilligen der Landeskirche Baden) zu einem Zwischenseminar in Florenz. Eine Woche lang besprachen wir Probleme, Verbesserungen und diskutierten über Krieg und Pazifismus. Die Umfrage zum Irakkrieg (sie wird später auch in der Zeitung erscheinen) machte mir besonderen Spaß. Wie verschieden die Italiener dabei reagierten! Was mir bei unserer Jagd nach Interviewpartnern in Erinnerung bleiben wird, war der schöne Dialog mit den Straßenkünstlern vor den Uffizien. Mit dem Koch Gianni an unserem Aufenthaltsort (Pax Christi, Casa per la Pace) konnte ich mich schnell anfreunden und wir verabredeten, bald ein paar Tage in Kalabrien umher zu wandern – vermutlich zu Ostern. Für meine Rückfahrt (von Florenz mit dem Zug bis nach Caltanissetta, 60 km vor Riesi) legte  ich einen Tag Pause in Rom ein. Das wichtigste Verkehrsmittel waren Schusters Rappen und die Metro mit ihren Zigeunermusikanten. Die Via Appia Antica, die Königin der Straßen, und auch die antike Hafenstadt Roms gefielen mir außerordentlich: Für Ostia werde ich mir beim nächsten Mal mit Sicherheit viel mehr Zeit nehmen. Zusammen mit meinem alten Englischlehrer besuchte ich ein paar Kirchen Roms, deren Mosaike sich mit Monreale durchaus messen können.

 

Riesi hat sich nicht verändert. Das Grün sucht man hier vergeblich. Nur der Katholizismus ist hier sehr stark und mächtig. Einmal bot das Kino allen Grundschulkindern freien Eintritt zum Besuch des Zeichentrickfilms Sindbad der Seefahrer. Bevor jedoch die Vorstellung begann, erzählte ein Geistlicher den Kindern, was für ein guter Mensch Don Bosco war, und sie mussten seine tollen Sätze lautstark wiederholen. An diesem Donnerstag geht die Grundschule wieder ins (katholische) Kino. Nemo, lautet der Titel dieses Mal.

Don Bosco, so heißt auch die Kirche, wo jetzt der Flügel steht, der vorher im großen Saal des Servizio Cristiano (S.C.) stand. Für ein Konzert kurz vor Weihnachten transportierte man ihn ins Cineteatro (das Kino). Von dort aus wurde er schließlich in die Kirche geschafft, wo er nun unbenutzt stehen bleibt - eine schöne Bescherung! Ich fühlte mich, als fiele mir der Himmel auf den Kopf. Wie konnte es aber nur dazu kommen? Die Tatsache, dass der Flügel nicht dem S.C. gehört, sondern der Stadt, muss  natürlich erwähnt werden. Folglich kann die Stadt darüber entscheiden, wo sie ihn hinstellen möchte. Nun, nach meinem Konzert im Oktober kam einigen Personen aus der Dorfkapelle die Idee, doch ein (oder zwei) Klavierkonzert(e) mit mir am Flügel zu machen. Eine schöne Idee. Als mir zu Ohren kam, dass man das Instrument (dafür) nun weg brachte, wollte ich wissen, wohin und ob ich dort weiterhin die Möglichkeit zum Üben hätte. Da der Flügel der Stadt gehört, wollte ich mich also an den Sindaco wenden, den Bürgermeister, der aber nur vormittags zu sprechen ist. Deshalb bat ich unsere Direktorin, mir für dieses Gespräch frei zu geben. Denn schließlich war der Flügel auch für den S.C. (und nicht nur für mich) eine große Bereicherung, z.B. für den Musikunterricht oder bei diversen Veranstaltungen für die Eltern der Kinder unserer Schule. Unsere Direktorin rief vorher an, damit ich nicht umsonst zum Rathaus hin- und zurückgehen müsste (was aber für meine spätere Statistik ohne Belang war). Doch keiner im Rathaus wusste überhaupt von dem Beschluss, den Flügel zu transferieren. Wie überrascht waren wir aber, als am folgenden Tag ein Brief des Gemeinderats uns eben diesen Beschluss mitteilte!

 

Nach dem Weihnachtskonzert der Dorfkapelle gingen wir dem Angebot eines  Klavierkonzertes nach. Für mich stand fest: Irgendetwas war faul an der Sache. Ich erklärte meine Situation und meinen Wunsch, viel üben zu wollen. Schließlich versicherte man, mir den Schlüssel auszuhändigen. Die Dorfkapelle hat nun aber kein Recht, über staatliches Eigentum zu entscheiden, ohne eine Autorisation zu besitzen, oder? Da mir die Sache nicht geheuer war, wollte ich mir auf jeden Fall eine Erlaubnis vom Gemeinderat holen. Das Rathaus ist nicht sehr einladend. Beim ersten Mal verwies mich ein merkwürdiger Kauz auf einen gewissen Signore F., der natürlich nicht da war. Als ich ihn dann beim zweiten Besuch kennen lernte, versprach er, alles nur Erdenkliche für mich zu tun. Ich musste natürlich an einem anderen Tag wieder kommen. Danach erzählte er mir, dass er den Pfarrer (von Don Bosco) nicht erreichen konnte. Dann war er im Urlaub (vierter Besuch), danach krank (fünfter Besuch). Mit meinem Vater (er war über Neujahr zu Besuch hier) schrieben wir einen Brief an den Gemeinderat, den wir im Rathaus auch vor dem Aushändigen ordnungsgemäß protokollieren ließen. Nun war der gute Mann plötzlich leider beleidigt, da wir ihn um den Namen des Pfarrers baten und den Ort, wo wir ihn finden könnten. Wegen dieser gekränkten Ehre bat ich Uli, den Mann unserer Direktorin und Pfarrer der Waldenser Gemeinde, um Hilfe. Er kannte Don Lorenzo (was wir von dem Beamten im Rathaus noch in Erfahrung bringen konnten) gut. Mit ihm zusammen (siebter Besuch) schien plötzlich alles geregelt werden zu können, jedoch: Nichts geschah (achter Besuch)! In eben dieser Situation kam wie durch ein Wunder zufällig doch der richtige Mann zur Tür herein – der sich natürlich auch wunderte, dass mein Wunsch schon seit einem Monat unbeantwortet blieb. Der neunte Besuch (eine Stunde Wartezeit plus eine Stunde Bearbeitung meines Anliegens) verschaffte mir endlich die Autorisation, aber mit der Einschränkung, nur Dienstags und Donnerstags von halb fünf bis sieben Uhr zu spielen, da der Pfarrer an diesen Tagen frei hatte und mir auf- bzw. zuschließen konnte.

Fazit: Wäre ich bei der Dorfkapelle geblieben, hätte ich zwar unbeschränkten Zugang gehabt, mir dafür aber das Recht ohne das Gesetz verschafft (eigentlich keine gute, sondern eher eine mafiöse Tugend. Weil ich die Mafia aber nicht kenne, kann es sich höchstens nur um mafiöses Gedankengut handeln.). Weiterhin wäre ich für diese „Gefälligkeit“ in Abhängigkeit der banda (Dorfkapelle) verfallen. Die Art und Weise, wie hier mit dem S.C. umgegangen worden ist, war Grund genug für mich, die Finger von der Dorfkapelle zu lassen. Deshalb spiele ich dort auch nicht mehr Trompete. Ich lebe nun einmal in einer protestantischen Gemeinschaft der Waldenserkirche, fühle mich als Teil von ihr und sollte das Bild des Servizio Cristiano mit gestalten. So begann die Suche nach weiteren Möglichkeiten zum Üben. Schließlich bot sich sogar die Gelegenheit, ein Klavier auszuleihen. Dem Besitzer war es nur wichtig, dass niemand sonst das Klavier benutzen durfte. In meinem Zimmer konnte es aber nicht stehen (was noch nachvollziehbar ist) und im großen Saal durfte es nicht („zu viel Verantwortung“ für die Direktion). Und Uli wollte mit dem Klavier nichts mehr zu tun haben, z.B. um bei Don Lorenzo für mich ein gutes Wort einzulegen. In der Kirche durfte es auch in keinem der leer stehenden Zimmer stehen, da es für eine dritte Person schwer begreiflich wäre, warum es dort nur einer benutzen dürfte. Endlich habe ich nun die Lösung gefunden. Ariane aus unserer Gemeinde, die viel nachempfinden kann, da sie selbst Klavier übt, lässt mich bei Ihr zu Hause spielen. Ende Mai bietet sich dann auch die Gelegenheit ein Stück in der Musikschule in Caltanissetta vorzuspielen.

 

la mafia e una montagna di merda

 

 

Meine Arbeit macht mir immer noch Spaß, selbst wenn der Lärmpegel mancher Klassen mir jetzt langsam Kopfschmerzen und Lustlosigkeit bereitet. Die Wichtigkeit der Arbeit und die schöne Zeit danach sind Motive, die mich aber auf den Beinen halten. Ich weiß wirklich nicht, ob Ganztagsschulen und so wenig Ferien im Schuljahr der Gesellschaft Gutes leisten. Das Miteinander ist stark durch überlautes Reden (gridare) und handgreifliche Auseinandersetzungen geprägt (in der Schule und in der Stadt, heute vor der Pizza-Bar). Wir sind zu Wenige, um die Kinder wirklich voll unter Kontrolle zu halten. Ein großes Problem, das ich z.B. auch im Unterricht habe, ist, wenn ich jemanden beim Namen rufe, er/sie aber dessen ungeachtet weiterstört und sich noch nicht mal die Mühe macht, den Kopf zu drehen. Händestrecken ist out. Wer zuerst laut in die Runde hinein ruft, hat das Recht zum Reden. Und wenn ich jemanden nicht aufrufe, obwohl er/sie die Hand streckt, fängt er oder sie an zu hüpfen und zu schreien. Es gehört übrigens schon zu den alltäglichen Gewohnheiten, im Klassenzimmer herum zu rennen und nicht zu sitzen, auch wenn genug Stühle dafür die Möglichkeit gäben. Mit sieben Kindern der Schule habe ich ein großes Problem. Sechs von ihnen will ich nicht mehr im Englischunterricht haben (dementsprechend auch die Zeugnisnote). Sie vergnügen sich dabei, andere zu ärgern und wütend zu machen. Hefte und Schreibsachen bringen sie erst gar nicht mit in die Schule. Mit ihnen zu reden ist sinnlos, da sie nicht einmal zuhören wollen. Einzige Methode: Anschreien, wütend sein. Nach vielen vergeblichen Versuchen, sie zusammen mit den anderen Kindern der Klasse zu unterrichten, bleiben sie jetzt zu Gunsten der übrigen Schüler draußen. Und auf einmal ist die dritte Klasse der Schule in Englisch leistungsstärker als die Fünfte. Mit dieser beginne ich nun eine nette englische Geschichte (Room on the broom – eine abenteuerliche Hexenerzählung), bei der ich hoffe, ihnen die

(Aus-) Sprache nahe zu bringen. Fast niemand in Riesi kann Englisch; nicht einmal die Polizei.

 

Um bei der Schule zu bleiben: Der Mummenschanz war ein lustiges Ereignis. Man konnte die Kinder doch tatsächlich kaum mehr wieder erkennen, da sie alle verkleidet in die Schule kommen mussten; verkleidet mit wahrhaft sensationell einfallsreichen Kostümen. Selbst auf den Straßen Riesis lebte die Fastnacht richtig auf, und in Caltanissetta musste „der Teufel los“ gewesen sein.

 

Was nun in meinem Leben und auch nach der Zeit im S.C. eine große Rolle spielt, ist – wie jeder schon weiß – mein vierbeiniger Freund Michi. Mit ihm verbringe ich einen sehr großen Teil meiner Freizeit. Die Freude und sein Herumtollen bringt mir nach dem Unterricht wieder schnell die gute Laune zurück. Was ich ihm schon alles beigebracht habe, ich wundere mich wirklich darüber. So schafft es mein Hund z.B. so lange liegen zu bleiben (auch wenn ich mich verstecke oder hundert Meter weg renne) bis ich ihn rufe. Oder Ewigkeiten lang im selben Tempo neben mir zu laufen. Ende Februar wollte ich einige freie Tage mit nebrodiZoran auf Lampedusa verbringen, der südlichsten Insel Italiens (knapp vor der tunesischen Küste). Doch wie es das Schicksal wollte, verließ unser Schiff aufgrund schlechten Wetters nicht den Hafen. Wir beschlossen, die Nacht im Zelt am Strand zu verbringen (im Regen). Um vom Hafen wieder zurück nach Agrigento zu kommen (drei Stunden Fußmarsch), wollten wir wenigstens den Bus nehmen. Der Busfahrer verweigerte uns jedoch die Fahrt in dem leeren Bus mit der Begründung, dass wir zwei Hunde an der Leine führten. Weil wir uns darüber wunderten, warum dies nirgendwo geschrieben war, warteten wir einfach, bis eine halbe Stunde später der nächste Bus kam, der uns ohne Probleme einsteigen ließ. Und hier will man den Tourismus fördern? Lampedusa fiel also leider ins Wasser. Stattdessen verbrachten wir den Rest unser kurzen Ferien in einem traumhaften Wald, über dem ein riesiger Felsen mit versteckten Höhlen trohnt und um den ein Adlerpärchen seine Kreise zieht. Eine dieser Höhlen wurde unser „Zuhause“, in das wir neben einem großen Bett auch eine kleine Küche mit einem großen Kamin einbauen konnten. Es waren sehr ruhige und erholsame freie Tage.

 

Worüber ich euch leider nicht weiter informieren kann, ist die Tragödie, die sich im  Wasserspeicher unseres Grundstücks vor 5 Jahren abspielte und mit dem Tod zweier Kinder endete. Über das Buch wird im Moment nicht mehr geredet, und alles scheint schon wieder vergessen zu sein. Was man von mir hört und liest, mag vielleicht nach manchen Problemen klingen. Ich verstehe mich (immer noch) nicht sehr gut mit unserer Chefin, einer „Sizilianerin aus der Gegend von Syracusa, hochgewachsen, dunkel und schön wie aus einem Bilderbuch – Eliana Brianti“ [„Sizilien, Sizilien!“, Ralph Giordano]. Es wäre nun aber sehr viel schöner (und einfacher), wenn man mehr zusammenarbeiten könnte, den Anderen zuhörte, seine Anteilnahme erwiese und ihm mehr Vertrauen schenkte.

 

Diese Zeit auf jener Insel mit dem geheimnisvollen großen Berg ist für mich ein sehr spannendes, schönes und überaus lehrreiches Jahr. Ich möchte euch beim nächsten Rundbrief ein paar Schwarz-Weiß Fotos beilegen. Vielleicht ändert sich bei dem Einen oder der Anderen dann das Urlaubsziel. Das Fest der Mandelblüten in Agrigento hat bereits statt gefunden. Nun beginnen die Mimosen zu verblühen...

 

 

Abschied von Riesi und Rückkehr nach Deutschland

 

Liebe Weggefährten,

 

Nun ist das Jahr vorbei. Das Jahr in einem Land und einer Kultur, die für mich so fremd am Anfang erschien – Sizilien wurde ein schöner und großer Schatz im Meer. Unter fast derselben Sonne, unter der ich vor mehr als zwanzig Jahren in Afrika auf die Welt kam, litt und lebte ich. Fand neue Freunde, neue Werte, neue Arbeit, neue Freizeitbeschäftigungen, kurzum: ich fand ein neues Leben! Am Ende meines Dienstes im Servizio Cristiano wird sicherlich ein Resümee, eine Rück- und Weiterschau oder aber auch eine kritische Stellungsnahme erwartet bzw. vielleicht erwünscht. Wie war die Zeit für mich; sah ich Sinn und Zweck in dem, was ich tat, und überhaupt: von welcher Wichtigkeit war sie?

 

matthiaImmerhin begleitete ich die Grundschulkinder ein ganzes Schuljahr lang im Englisch-Unterricht und in der Schulpause beim Spielen. Die Verantwortung als Aufsichtsperson und Vorbildfunktion war mir durchaus bewusst und nicht immer eine leichte Aufgabe. Oft benahmen sich die Kinder sehr rüpelhaft und man könnte ihnen „mille volte“ sagen, dass die Steine keine Wurfobjekte sind, ohne ihr Verständnis zu ernten. Aus manchen Spielen wurden Mitschüler ohne klaren Grund ausgeschlossen; es kam auch zu ein paar Raufereien und zum Glück auch nur zu einem ernsten Zwischenfall. Der Unterricht bereitete mir sehr viel Spaß bei der Vorbereitung, mit den Kindern und sogar bei der Korrektur der drei Klassenarbeiten. Zwar wussten einige Jungen und Mädchen nicht, warum es die Stühle im Klassenraum gibt oder was ein Heft geschweige denn ein Schulranzen wäre. Aber ich war auch dagegen gerüstet. An manchen Tagen hatten die Racker mich doch wirklich fertig gemacht. Und nicht nur mich; die Lehrerinnen und Lehrer, die den ganzen Tag mit den vielen Kindern zusammen waren, schienen manchmal fast am Ende ihrer Kräfte. Ihre Arbeit und ihre Ausdauer muss doch mal gewürdigt werden. Ich will das viele Schreien des Lehrers in Anbetracht des Stresses, unter dem er leidet, und wegen der Wildheit einiger „ragazzi“ unter diesen Umständen gern verzeihen (auch als ich mal Kopfweh hatte). Es schien mir einige Male so, als ob für den Einen oder die Anderen der Servizio Cristiano der einzigste Ort der Erziehung war. Doch ich werde nie vergessen, wie Nives mich mit ihrer Fröhlichkeit ansteckte, wie Jessica mir ihre vielen schönen Bilder schenkte (fast alle hingen an meinem Kleider-Schrank), wie Flavio Memory spielte, als ich die Uno-Karten den Kindern mitbrachte, als Ilaria Seilhüpfen lernte, wie Lorena tanzen konnte, wie Giuseppe immer den Ball wollte und wie wir mit Kreide Paradiese malten… - nie werde ich sie vergessen können. Ja, hier sah ich viel Sinn, den Zweck meines Daseins und die Wichtigkeit meines Handelns.

 

pomodoriVormittags arbeitete ich immer mit Gaetano in der agricoltura (Landwirtschaft). Am Anfang des Jahres begannen wir, die Oliven zu ernten. Dann schnitt ich fast ein halbes Jahr lang das rasch nachwachsende meterhohe Gras, und schließlich ernteten wir am Ende die Tomaten. Das Öl der Oliven und die Soße aus den Tomaten werden auch nach Deutschland verkauft – alles biologisch von uns angebaut. Die viele Arbeit, die dahinter steckt! Heute bin ich stolz auf die viele Mühe mit den Netzen und den vielen Kisten meiner Oliven. Auch auf die vor dem Feuer gerettete Fläche unseres Geländes bin ich stolz – schade, dass diese lange Arbeit nicht wirklich gewürdigt wurde. Oft half mir dabei der Gärtner und im Gegenzug ich ihm, da es so viel schneller voran ging. Zu zweit ist man ja auch motivierter. Leider wurde das von der Direktion nicht so gerne gesehen; dann mussten wir halt wieder zum alten System zurück - und jeder schnitt alleine weiter.

Obwohl wir so zahlreich in der Landwirtschaft eingesetzt waren, konnte nicht alles vor dem Feuer gerettet werden. In dem, was ich da tat, sah ich natürlich Sinn und Zweck, aber die Wichtigkeit fand leider nicht die entsprechende Würdigung durch die Direktorin, so wie ich empfand. Es war sehr schön, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Man musste lernen, seine Kräfte einzuteilen und vorsichtig mit den Maschinen und den Pflanzen umzugehen, aber auch, in gebührender Weise unter der heißen Sonne zu arbeiten. Ein lehrreiches Jahr.


Es ging zu Ende mit dem Juli-Camp (Ferienlager oder Waldheim). Mit den Kindern aus Riesi, die bis zu 16 Jahre alt waren, hatten wir vier Wochen lang viel Spaß. Neben Basteln, (Wasser-)Spielen und Kicken (auf dem neuen Sportplatz) wollten wir mit ihnen auch über den Umgang miteinander und mit der Natur reden. In der ersten Woche kam uns sogar eine Gruppe aus Amerika mit vielen Ideen zu Hilfe. Sie traf sich auch mit den Gleichaltrigen aus dem Gymnasium der Stadt zu Debatten über Krieg und Frieden; dabei gingen die Meinungen gar nicht weit auseinander, sondern bewegten sich eher aufeinander zu. Es war eine sehr schöne Zeit und ein netter Abschied von den Kindern für mich.

Der Servizio Cristiano war aber nicht nur meine Arbeitsstelle, sie war ja auch mein neues Zuhause. Ich lebte mit anderen Deutschen, einem Franzosen, einer Spanierin, einer Schweizerin, einer Holländerin und einem Kroaten Tür an Tür auf demselben Stockwerk. Und da wir zum Glück in keiner Kaserne wohnten, sondern unseren Hobbys in der Freizeit ungehindert frönen durften, kann es dabei auch manchmal zu Problemen kommen (wenn man nicht miteinander kommuniziert).  Normalerweise konnten wir die Konflikte aber immer gut alleine lösen. Nur in manchen Fällen, wie z.B. bei der Benutzung des VW-Busses, den Haustieren, unserer Küche oder dem Internet war natürlich die  Kooperation mit der Verwaltung nötig. Wir lebten wohl ziemlich selbstbewusst und dachten nicht viel an die nach uns kommenden Freiwilligen, so dass wir logischerweise keine gute Beziehung zum Büro hatten und wir wenig Zusammenarbeit erwarten konnten. So passierte es zum Beispiel einmal meinem Kollegen Alexander, dass man ihm 50 Euro aus seinem Zimmer stahl. Die Polizei wurde zwar herbei geholt, aber: Anscheinend stank bei der Ortsbesichtigung unser Korridor und sah unordentlich aus. Daraufhin verloren wir offensichtlich an Glaubwürdigkeit  und man ließ die Sache auf sich beruhen...


Heute bin ich wieder in Stuttgart. In einer Woche werde ich nach Kirchentellinsfurt umziehen, nahe bei Tübingen, und das Physik-Studium dann im Oktober beginnen. Ich freue mich schon auf diese neue Zeit, die ich nun auch nicht alleine verbringen muss. Michi (sprich: Miki) hätte ein sehr dunkles und trauriges kurzes Leben in Sizilien erlebt, wie die meisten seiner Leidensgenossen. Doch in diesem einen Jahr ist er mir sehr ans Herz gewachsen und wird mit mir nach Tübingen kommen. Michi, wer es immer noch nicht weiß, ist mein überaus treuer Hund. Das Jahr in Sizilien ging zwar schnell vorbei, doch es blieben sehr viele und traumhaft schöne Erinnerungen.

 

„Dass ich Sizilien gesehen habe, ist mir ein unzerstörbarer Schatz in meinem  ganzen Leben“ (J. W. von Goethe).

 

Herzlichen Dank an Sie alle, die sie mich auf diesem Weg begleitet und mir dieses Jahr überhaupt erst ermöglicht haben.

 

Danke!